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Je schlimmer, desto Morgarten

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700 Jahre ist es her, dass Schwyzer, Urner und Unterwaldner ein Heer der Habsburger am Ägerisee in die Flucht schlugen – schlechter bewaffnet und in krasser Unterzahl, wie es heisst. Noch immer streiten Historiker und Politiker um die Bedeutung der Schlacht.

Historische Wahrheit? Legende? Oder beides? Und warum hat diese Geschichte 700 Jahre lang überlebt? 

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Alle Jahre wieder am 15. November kracht und knallt es am Ägerisee im Kanton Zug. Hier, nah am Morgartenberg, findet seit 1912 das Morgartenschiessen statt. Mit Pistole auf 50 Meter...

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…und mit Gewehr auf 300 Meter, auch wenn Schneetreiben das Zielen erschwert.

Schliesslich geht es weniger ums Gewinnen als ums Gedenken. Jenen Vorfahren, die am 15. November 1315 «die erste Freiheitsschlacht» kämpften, wie es auf dem Denkmal im Hintergrund geschrieben steht – gewidmet «den Helden vom Morgarten», die schon damals die Schweizer Unabhängigkeit verteidigt haben sollen.

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Geistige Landesverteidigung

Der Spielfilm «Landammann Stauffacher» von 1941 erzählt
eine patriotische Morgarten-Geschichte – gedreht in der Zeit, als um die Schweiz herum der Zweite Weltkrieg tobte.

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Wahrhaftig, ein Husarenstreich gegen die Habsburger! War es wirklich eine Finte des legendären Landammanns Werner Stauffacher?

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Siegesgewiss zogen die gut gerüsteten Ritter des Habsburger Heeres (orange Rechtecke) an den Hängen über dem Ägerisee entlang – geradewegs in eine Falle.

Denn statt sich männlich und ritterlich im direkten Kampf mit dem Feind zu messen, wählten die Eidgenossen (rote Punkte)
eine ganz andere Art der Kriegführung…

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Die Hellebarde: Handfeste Erläuterungen eines Historikers.

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Erst stürzten Bäume und Felsbrocken von den Hängen am Ägerisee hinab, dann die Urschweizer – in ihren Händen lange Waffen, die von da an Militärgeschichte schreiben sollten.

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Die Eidgenossen wurden als Helden gefeiert – die Habsburger nicht: Wen Hellebarden-Hiebe nicht verletzten oder töteten, der floh. Viele ertranken auf der Flucht, heisst es. Doch der Anführer der Streitmacht, Herzog Leopold, entkam – schwer gezeichnet vom Schmerz über den Verlust seines Heeres, wie der Chronist Johannes von Winterthur um 1340 niederschrieb.

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Ein Heldenepos für Schweizer Patrioten – fast zu schön, um wahr zu sein. Hat es wirklich so stattgefunden? Sicher belegt ist von der Morgartenschlacht nämlich wenig. So wenig, dass schon bezweifelt wurde, dass überhaupt ein Kampf stattfand.

Historiker sind freilich anderer Ansicht. Unter anderem, weil es neben Quellen aus heutigem Schweizer Gebiet auch eine Chronik von weit entfernt gibt: Ein Abt namens Peter von Zittau vom Kloster Königssaal (heutiges Tschechien) überlieferte, dass da ein Kampf stattfand und Leopold verlor.

Doch die erhaltenen Quellen widersprechen sich. Zum Beispiel bei der Zahl der Kämpfer: Je nach Chronik reicht die Zahl der Männer unter Habsburger Fahne von 2000 bis 20‘000.

Und beweiskräftige Fundstücke wie Schwerter, Hellebarden oder Ritterhelme? Fehlanzeige!

Jahrhunderte lang existierten tatsächlich überhaupt keine Gegenstände, die Licht ins Dunkel um die Morgartenschlacht hätten bringen können... – bis vor Kurzem.

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Dolche, Pfeilspitzen, Münzen und ein Reitersporn

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HInweise aus dem Boden: Metallsucher Agola begutachtet einen Gegenstand. Neben ihm Tobias Müller, Moderator der SRF-Sendung «Einstein», die über die Funde berichtete.
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Im Frühjahr 2015, vor dem 700. Jahrestag der Morgartenschlacht, fand ein Suchteam überraschend einen kleinen archälogischen Schatz: Spitzen von Armbrust- oder Bogenpfeilen sowie zwei Dolche aus dem 14. Jahrhundert. Und gleich neben den beiden Klingen wurden 12 Münzen aus Basel, Zürich, Solothurn und Schaffhausen entdeckt, geprägt in der Zeit von 1275 bis ins frühe 14. Jahrhundert.

Die Gegenstände brachte Romano Agola, ein Schweizer Experte für Metall-Ortung, ans Tageslicht. Er war im Auftrag der Kantonsarchäologie Zug unterwegs. Doch ob und wie seine Funde etwas mit der Schlacht zu tun haben, wird schwierig nachzuweisen sein.

Selbst, wenn sich ein direkter Bezug zu Morgarten herstellen liesse: Über den Verlauf der Kämpfe werden die neuen Funde kaum Aufschluss geben. Und ebenso wenig über den genauen Ort, wo sie stattfanden.

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HInweise aus dem Boden: Metallsucher Agola begutachtet einen Gegenstand. Neben ihm Tobias Müller, Moderator der SRF-Sendung «Einstein», die über die Funde berichtete.
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So bleiben Forschern nur weitere Indizien. Wie die Landschaft anno 1315 um den Ägerisee: Geografie-Professor Markus Egli und sein Team von der Uni Zürich untersuchten das Schlachtfeld in den vergangenen Jahren von Grund auf.

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Die Resultate: Der Ägerisee hat sich seit jeher verändert. Von vor 13'000 Jahren...

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...und vor 5500 Jahren...

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...bis zum Jahr 1300, zur Zeit der Morgartenschlacht. Der See war zwei bis drei Meter höher als heute. Und es gab weitere Tümpel.

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Um diese Tümpel zog sich Sumpfgebiet. Der Morast könnte die Habsburger tatsächlich gezwungen haben, den Weg am Hang zu nehmen statt entlang des Ufers. Und der Schlick könnte auch ihre Flucht behindert haben.

Fazit der Forscher: Die Resultate schliessen zumindest nicht aus, was hier geschehen sein soll.

Doch wie viele Männer starben? Wie viele flohen? Und überhaupt: Wozu eigentlich der blutige Streit?

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Schwyzer Streitereien

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Zwist hatten die Eidgenossen schon damals genug. Wie mit dem mächtigen Kloster Einsiedeln, das unter dem Schutz der Habsburger stand. Im Streit um Grenzen und Weiderechte schenkten sich beide Seiten nichts.

Im Gegenteil: Die Eidgenossen überfielen am 6. Januar 1314 das Kloster, raubten Messgewänder, Reliquienkästchen, einen Kronleuchter, weitere Kostbarkeiten. Und entführten sogar einige Mönche. Wollten die Habsburger mit ihrem Aufmarsch zeigen, wer der Herr im Haus war?

Oder lag der Schlacht doch ein lokaler Zwist zugrunde, wie manche Historiker meinen? Graf Wernher von Homberg, Sohn der Adeligen Elisabeth von Rapperswil, erhob Anspruch auf die Schutzherrschaft über das Kloster. Zog er bei einem Überfall im Hintergrund die Fäden?

Oder war es doch die ganz grosse Machtpolitik der Habsburger und ihrer Kontrahenten, in deren Mühlen Stauffacher und seine Bundesgenossen gerieten?

Im Streit um den Thron des Heiligen Römischen Reiches waren schon zwei Könige gekrönt worden: Ludwig, der Bayer aus dem Haus der Wittelsbacher – und Friedrich, der Schöne von den Habsburgern, Bruder des Morgarten-Feldherrn Leopold.

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Die Eidgenossen hielten zu Ludwig, dem Bayern. Wollte sein Kontrahent Friedrich sie dafür abstrafen?

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Morgartenbrief
Der Morgartenbrief mit den Siegeln von Uri, Schwyz und Unterwalden besiegelte den Bund zu Brunnen.
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Habsburger Grossmachtgelüste gegen freiheitsliebende Eidgenossen? Noch heute herrschen Zweifel: Wozu eine ganze Armada aufmarschieren lassen, nur um einen Haufen widerspenstiger Bergler zu zähmen?

Und wenn die Eidgenossen für den Habsburger Friedrich wirklich so wichtig waren: Warum schlug die Grossmacht nach der verheerenden Schlappe am Morgarten nicht rasch und hart zurück?

Gut möglich, dass sich auch die Urschweizer diese Frage stellten. Schon im Dezember 1315 schlossen sie den «Bund zu Brunnen», in dem Urner, Schwyzer und Unterwaldner einander unter anderem versprachen, sich bei Bedrohungen zu unterstützen.

Doch schon 1318 traf Herzog Leopold, Friedrichs Bruder und sein Heerführer, mit den Urkantonen einen Friedensschluss. Und die Schlacht am Morgarten landete bald als kriegerische Episode in der Mottenkiste der Geschichte.

Dort wäre sie wohl geblieben – wenn findige Historiker sie nicht herausgekramt hätten.

Morgartenbrief
Der Morgartenbrief mit den Siegeln von Uri, Schwyz und Unterwalden besiegelte den Bund zu Brunnen.
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Ein Nationalmythos wurde Morgarten erst viel später. Auch durch den Glarner Gelehrten Aegidius Tschudi, der zu den Vätern der Schweizer Geschichtsschreibung zählt. In seinem «Chronicon Helveticum» berichtete er im 16. Jahrhundert über den Kampf – auf der Basis früherer Erzählungen.

Tschudi beschrieb die Schlacht als Heldentat gegen übermächtige und habgierige Habsburger. Auch mit dem Ziel, das Gemeinschaftsgefühl unter den Eidgenossen zu stärken.

Mit Erfolg, wie sich zeigen sollte.

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Zwei Jubiläums-Postkarten zur Morgartenschlacht

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Von dieser Zeit bis in die Gegenwart brachten interessierte Seiten den Morgarten-Mythos immer wieder ins Spiel. Wie zur 600-Jahr-Feier der Schlacht, als der Erste Weltkrieg im Gange war und viele Schweizer in Angst versetzte.

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Während des Zweiten Weltkriegs war es General Henri Guisan, der diese Tradition fortführte. 1940 erschien er mit Bundesrat Philipp Etter (rechts im Bild) beim Morgartenschiessen. Und die Taktik in jener Schlacht nannte er «ein ewiges Vorbild, Euch Soldaten und auch Euch Führern», wie es in einem Tagesbefehl hiess.

Kurzum: Wann immer Gefahr fürs Land bestand, wurde der Mythos bemüht.

Je schlimmer, desto Morgarten!

Erst in den 1960er-Jahren, als viele Autoritäten und Gewissheiten der Schweiz auf den Prüfstand kamen, regte sich Kritik.

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Viele Historiker werteten Morgarten nicht mehr als Heldenschlacht – eher als unwichtige Fehde oder «Etappensieg». Oder sogar als ordinären Überfall.

Gleichwohl, der Mythos wird auch in Zukunft in den Köpfen der Eidgenossen lebendig bleiben. Das weiss auch Pirmin Moser, Gemeindeschreiber von Sattel, der sich jahrelang intensiv mit der Geschichte rund um die Schlacht befasst hat.

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So geht es auch Hellebarden-Träger Cyrill Albisser, der dem Schweizer Fernsehen beim Morgartenschiessen Red und Antwort stand.

Viele Fragen bleiben; das ist nicht nur Historikern klar.

Doch eines ist gewiss: Wenn nicht die Schlacht... – der Mythos hat Schweizer Geschichte gemacht.

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